Migration ist ein grundlegender Bestandteil sowohl der Stadt als auch Europas. Seit vielen Jahren werden in Deutschland und Österreich neue Forschungen zu den im Zuge der Migration entstandenen Spannungen durchgeführt, die heute gefährliche ideologisch-politische Dimensionen angenommen haben.
Einer dieser Forscher ist Prof. Dr. Erol Yıldız, Dozent an der Universität Innsbruck. Ausgehend von den Ursachen und Folgen dieser Spannungen unternimmt Prof. Dr. Yıldız Schritte, die die traditionelle Wissenschaftsbürokratie erschüttern. Mit einer neuen Konzeptualisierung erinnert er daran, dass die Urbanisierung und damit die Grundlage Europas auf Menschen beruht, die ihren Wohnort wechseln – also auf Migration.
Prof. Dr. Erol Yıldız hat unsere Fragen dazu beantwortet, warum die in Wissenschaft und gesellschaftlichem Leben fest verankerten Denkweisen verändert werden müssen.
– Was ist der Begriff „postmigrantisch“ und welche Lücken oder Unzulänglichkeiten wollten Sie mit diesem Begriff schließen? Was kann man in Deutschland als entwickelte Industriegesellschaft mit Begriffen wie Migration und Migranten nicht mehr erklären, sodass Sie eine solche Neukonzeption für notwendig erachtet haben?
EROL YILDIZ – Ich beginne mit einem Zitat des Bürgermeisters von Palermo, das die postmigrantische Denkweise prägnant zum Ausdruck bringt:
„Wir können heute nicht sagen, dass Palermo die Rechte von Migranten respektiert. Denn wir haben in Palermo keine Migranten. Wenn Sie fragen, wie viele Migranten in Palermo sind, dann antworte ich nicht 100.000 oder 120.000, sondern keine. Wer in Palermo ist, ist Palermitaner. Tut mir leid, aber Sie sind Palermitaner. Sie können Palermo verlassen, wenn Sie möchten. Aber solange Sie in Palermo sind, sind Sie Palermitaner […] Und ich mache keinen Unterschied zwischen Menschen, die in Palermo sind und die in Palermo leben.“
Aus meiner Sicht sind diese Sätze des Bürgermeisters deshalb postmigrantisch, weil er die etablierte duale Denkweise „Wir (die Einheimischen)“ und „Die Anderen (Migranten)“, die sowohl die konventionelle Migrationsforschung als auch die öffentlichen Debatten im deutschsprachigen Raum nachhaltig geprägt hat, radikal infrage stellt. Dieses „Wir-Die-Denken“ hat eine Normalität erzeugt, die implizit oder explizit weiter reproduziert wird. Begriffe wie „ethnische Kolonie“, „Parallelgesellschaft“ oder „Migrationshintergrund“ belegen das. Das Postmigratische ist aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen und versucht, eine nicht-trennende Perspektive einzunehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht irgendwelche Kategorien, sondern Menschen, geteilte Erfahrungen und Geschichten. Wenn man von den Lebenswirklichkeiten der Menschen ausgeht, unabhängig davon, wo sie herkommen, welche kulturellen Orientierungen oder Lebensweisen sie aufweisen, dann sieht man sich mit völlig anderen Normalitäten konfrontiert. Im Gegensatz dazu werden im öffentlichen Diskurs „Migrantsein“ oder „Migrationshintergrund“ wie Eigenschaften verhandelt. Es wird immer noch darüber diskutiert, wie Städte durch Migration vielfältiger werden können, ohne zu berücksichtigen, dass Städte aus historischer Perspektive erst durch unterschiedliche Migrationsbewegungen entstanden sind. Stadt ist Migration. Auch Europa ist historisch betrachtet aus Migrationsbewegungen hervorgegangen. Diese neue Perspektive, Migration und Gesellschaft anders zu denken, nenne ich postmigrantisch.
– In Anknüpfung an die erste Frage könnte man hinzufügen: Wenn man die soziologischen, wirtschaftlichen, politischen und vor allem historischen Folgen der Migration betrachtet, welche Unterschiede gibt es zwischen der Migrationsforschung von gestern und heute?
EROL YILDIZ – Im Großen und Ganzen hat sich wenig verändert, da duale Denkweisen nach wie vor explizit oder implizit reproduziert werden. Auch die sogenannte kritische Migrationsforschung betrachtet häufig noch „die Migranten“ als abgegrenzte Gruppe und reproduziert damit die Trennung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Ein postmigrantischer Denkansatz versteht Migration hingegen sowohl aus historischer als auch aus gegenwärtiger Sicht als selbstverständlichen Bestandteil der Gesellschaft. Er fordert daher eine Perspektivverschiebung: Migrationsforschung sollte als umfassende Gesellschaftsanalyse betrieben werden. Denn Themen wie Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung betreffen nicht nur einzelne Gruppen, sondern stellen grundlegende gesellschaftliche Herausforderungen dar.
– Wie verbinden Sie die Entkolonialisierung der Welt mit den Konzepten der Dekolonialisierung (Entkolonialisierung) des Denkens mit der Migration? Welchen Dekolonialisierungsprozess haben wir durchlaufen und durchlaufen wir derzeit?
EROL YILDIZ – In konventionellen Migrationsdiskursen sind eurozentrische und kolonial geprägte Denkmuster weiterhin vorherrschend, die selten kritisch hinterfragt werden. Ein Beispiel hierfür ist der Begriff „Migrationshintergrund“, der häufig reflexartig mit Problemen und Konflikten verknüpft wird. Auffällig ist dabei, dass nicht alle Menschen gemeint sind, die zugewandert sind, sondern vor allem jene aus außereuropäischen Ländern. So haben beispielsweise viele Personen aus Deutschland in Innsbruck formal einen „Migrationshintergrund“, werden jedoch weder so bezeichnet noch mit Integrationsanforderungen konfrontiert. Sie gelten vielmehr als selbstverständlich integriert oder werden allenfalls mit einem „Mobilitätshintergrund“ beschrieben. Diese selektive Wahrnehmung verdeutlicht, dass bestehendes Wissen über Migration von impliziten Hierarchien geprägt ist. Umso wichtiger ist es, diese Wissensbestände kritisch zu hinterfragen, zu „verlernen“ und im Sinne einer dekolonialen Perspektive neu zu denken.
– Es gibt immer mehr Anzeichen, ja sogar deutliche Hinweise darauf, dass die Transformation der europäischen Länder durch Migranten einen Rechtsruck mit sich bringen wird. Wie wird diese Transformation Ihrer Meinung nach in der nächsten Zeit verlaufen, welche Etappen werden wir durchlaufen und wohin werden beispielsweise die westeuropäischen Gesellschaften, insbesondere Deutschland, gelangen? Mit anderen Worten: Welche Auswirkungen hat dieser Wandel auf das politische und gesellschaftliche Leben? Können wir diese vorhersagen?
EROL YILDIZ – Der radikale Rechtsruck in Europa lässt sich nicht primär durch Migration erklären, wenn man diese als historischen Normalfall versteht, von dem nahezu alle Menschen in irgendeiner Form betroffen sind. Vielmehr ist er eng damit verbunden, dass Themen wie Migration und Flucht politisch instrumentalisiert werden – insbesondere von Parteien, die sich selbst in der „Mitte“ verorten. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass bürgerliche Parteien – teils sogar die Grünen – zunehmend Positionen nach rechts verschieben, in der Hoffnung, radikalrechte Wählerstimmen zu gewinnen. Doch diese Strategie führt eher zum Gegenteil und stärkt rechtsextreme Kräfte zusätzlich.
Dabei zeigt sich eine widersprüchliche Rhetorik: Der Begriff „Remigration“ wird öffentlich kritisiert, da er mit rechtsextremen Forderungen verknüpft ist, gleichzeitig wird jedoch im öffentlichen Diskurs ständig über „Abschiebungen“ gesprochen. Diese Doppelstandards verdeutlichen, wie stark migrationspolitische Debatten von politischen Interessen geprägt sind. Letztlich haben europäische Gesellschaften weniger ein Migrationsproblem als vielmehr ein Demokratieproblem. Eine mögliche Antwort darauf ist die Entnationalisierung und Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen.
– Welche Unterschiede gibt es in den EU-Ländern mit Migranten hinsichtlich der politischen Rechte, die Migranten gewährt werden? Was sind die Gründe für diese Unterschiede?
EROL YILDIZ – In den letzten Jahren lassen sich in nahezu allen europäischen Gesellschaften ähnliche Entwicklungen beobachten. Bürgerliche Parteien versuchen, sich in der politischen „Mitte“ zu positionieren, wobei sich diese Mitte immer weiter nach rechts verschoben hat. Dabei werden Migration und Flucht – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – in vielen Ländern zum Feindbild stilisiert. Gleichzeitig wird ein europäischer „Wir“-Begriff konstruiert, der Zugewanderte und sogar deren Nachkommen oft ausschließt, obwohl sie seit Jahren in diesen Gesellschaften leben oder dort geboren und aufgewachsen sind.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass es auch andere Ansätze gab: Skandinavische Länder verfolgten lange Zeit eine vergleichsweise offene Einwanderungspolitik und ermöglichten Zugewanderten einen relativ unkomplizierten Zugang zur Staatsbürgerschaft und damit zu politischen Rechten. Auch die Niederlande setzten in den 1980er- und 1990er-Jahren auf eine pragmatische Minderheitenpolitik und führten auf kommunaler Ebene sogar das Wahlrecht für Personen ohne niederländischen Pass ein. Demgegenüber ist in den letzten Jahren eine zunehmend defensive Migrationspolitik zu beobachten, die eng mit dem Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in all diesen Ländern zusammenhängt.
– Das Wichtigste beim Blick auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei und die Migration ist wohl: Gibt es ein Gedächtnis für Migration und Migranten? Ist das erwünscht? Wie steht es um das Gedächtnis in Bezug auf Migration und Migranten, nicht nur bei den später hinzugekommenen Menschen türkischer Herkunft, sondern auch bei den Einheimischen, also den Deutschen? Würden Sie uns Ihre Beobachtungen in diesem Bereich mitteilen?
EROL YILDIZ – Postmigrantische Diskurse eröffnen neue Perspektiven, um Migration und Migrationserfahrungen anders zu erzählen und zu verstehen. Die kulturellen und politischen Praktiken der ersten Generation, etwa in Literatur, Musik oder politischem Engagement, wurden lange Zeit kaum wahrgenommen oder gar als desintegrativ interpretiert. Dabei spielte und spielt die duale Denkweise von „Wir“ und „Die“ eine zentrale Rolle, durch die diese Erfahrungen weitgehend aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis ausgeschlossen wurden.
Erst die nachfolgenden Generationen beginnen, die Migrationsgeschichten ihrer Eltern und Großeltern sichtbar zu machen und eine gemeinsame Erinnerungskultur zu etablieren. Ein Beispiel dafür ist das DOMiD in Köln, das aus migrantischen Initiativen hervorgegangen ist und dazu beiträgt, bislang marginalisierte Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Aus postmigrantischer Sicht sind nationale Zuschreibungen wie „Deutsch-Sein“ oder „Türkisch-Sein“ problematisch, da sie die Gesellschaft weiterhin entlang nationaler Grenzen definieren. Eine mögliche Konsequenz daraus wäre, dieses nationalistische Denken zu überwinden und Gesellschaft grundsätzlich entnationalisiert zu begreifen.
– Gibt es eine gemeinsame Geschichte der Türken in Deutschland? Kann sie geschrieben werden, kann sie geschrieben werden? Für wen ist eine solche Geschichte und Geschichtsschreibung nützlich, für wen gefährlich? Wie kann man in dieser Hinsicht eine „gemeinsame Geschichte“ schaffen, wie kann man sie institutionalisieren?
EROL YILDIZ – Auch hier erscheint es sinnvoll, die Perspektive zu favorisieren, die Welt entnationalisiert zu denken, da viele gesellschaftliche Probleme und Konflikte aus ethnisch-nationalen Denkweisen hervorgehen. So lässt sich etwa historisch zeigen, wie die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg gezielt nationalisiert wurde, um eine einheitliche nationale Identität zu konstruieren. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass nationale Zugehörigkeiten keine natürlichen Gegebenheiten sind, sondern politische und gesellschaftliche Konstruktionen, die häufig mit Ausschlüssen und Spannungen einhergehen. Eine entnationalisierte Perspektive könnte daher dabei helfen, solche Konfliktlinien zu überwinden und neue Formen des Zusammenlebens zu ermöglichen.
– In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einer Familie: Der Großvater ist Österreicher, der Vater Italiener, er selbst ist Jugoslawe, die Kinder sind Slowenen. Die Familie hat immer in derselben Stadt gelebt. Aber die Grenzen und Staaten und damit auch die Personalausweise (und Pässe) haben sich geändert. Letztendlich ist Europa selbst ein multikultureller, mehrsprachiger Kontinent, eine Gemeinschaft von Ländern. Dennoch lassen sich Feindseligkeiten und Reaktionen gegenüber Migranten in einzelnen Ländern nicht verhindern. Liegt der Grund dafür allein in der Andersartigkeit der Migranten? Kann man sagen, dass diese Reaktion auf der Arbeitgeberseite und auf der Arbeitnehmerseite gleich ist? Warum?
EROL YILDIZ – In den letzten Jahren beobachten wir eine zunehmende Ausblendung historischer Realitäten in Europa. Dabei ist Europa ohne Migration gar nicht denkbar, denn es ist das Ergebnis vielfältiger Migrationsbewegungen über Jahrhunderte hinweg. Anstatt diese Tatsache anzuerkennen, bleibt der politische Diskurs stark auf nationale Denkweisen fixiert und Migration wird gezielt für politische Zwecke instrumentalisiert. Die damit verbundenen Debatten sagen daher weniger über eine tatsächliche „Andersartigkeit“ von Migrantinnen und Migranten aus als über bestehende politische Strategien und gesellschaftliche Machtverhältnisse.
– Haben Sie eine Prognose? Wie wird das Problem der Migration gelöst werden? Was muss dringend geändert werden und was kann sich mit der Zeit ändern?
EROL YILDIZ – Wie bereits eingangs formuliert, haben Europa bzw. die einzelnen europäischen Länder weniger ein „Migrationsproblem“ als vielmehr ein Demokratieproblem. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines veränderten Gesellschafts- und Demokratieverständnisses, das alle Menschen, die vor Ort leben, in die Gestaltung der Gesellschaft und ihrer Zukunft einbezieht. In diesem Sinne wird gefordert, politische Teilhabe nicht länger an die nationale Zugehörigkeit, sondern an das tatsächliche Leben und Mitwirken in der Gesellschaft zu knüpfen – so wie es auch der Bürgermeister von Palermo betont.
FRAGEN: OSMAN ÇUTSAY
















