Dr. Brigitte Schumann
Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, gemeinsam mit den Ländern die datenbasierte Unterrichts- und Schulentwicklung für die nächste Dekade zu etablieren. Welche Rolle spielen dabei private Stiftungen wie die Wübben Stiftung Bildung und die Bertelsmann Stiftung?
Die Unterstützung des Bundes besteht laut Koalitionsvertrag auch bei der Implementation eines Bildungsverlaufsregisters und der „Einführung einer zwischen den Ländern kompatiblen, datenschutzkonformen Schüler-ID“. Damit wird ein ganz „heißes Eisen“ angefasst und eine Problematik angesprochen, die die Kultusministerkonferenz (KMK) trotz ihrer wiederholt ausgesprochenen Empfehlungen gegenüber den Ländern bislang nicht lösen konnte.
Wiederaufnahme des gescheiterten Projekts
Schon 2003 empfahl die KMK die Entwicklung eines Kerndatensatzes mit ländereinheitlichen schulstatistischen Erhebungsmerkmalen für jede/n Schüler/in und die Umstellung der Summendaten auf Individualdaten. Ab 2008 sollten die mit einer Schüler-ID (Identifikationsnummer) verknüpften anonymisierten Individualdaten für die zielgerichtete Steuerung des Bildungssystems in ein nationales Bildungsregister übermittelt und länderübergreifend zusammengeführt werden. Etliche Bundesländer – darunter auch NRW – haben den Kerndatensatz wegen des massiven öffentlichen Widerstands gegen das Vorhaben und die damit verbundenen Eingriffe in Grundrechte noch nicht umgesetzt.
„Parteiübergreifender Impuls für messbare Bildungsziele“
Am 20.Januar 2025 stellte die Wübben Stiftung Bildung kurz vor der Bundestagswahl ihre Publikation „Bessere Bildung 2035“ https://www.wuebben-stiftung-bildung.org/publikation-bessere-bildung-2035/ zusammen mit den drei amtierenden Bildungsministerinnen, Stefanie Hubig aus Rheinland-Pfalz, Karin Prien aus Schleswig-Holstein und Theresa Schopper aus Baden-Württemberg, auf der Bundespressekonferenz (https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-vor-ort/bpk-impulse-fuer-messbare-bildungsziele/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNDc1MjMyNw vor.
„Wir etablieren eine Kultur der Evaluation und der Verantwortung und wechseln zu einer datengestützten Entwicklungs- und Lernverlaufs-Diagnostik, die den gesamten Bildungsverlauf im Rahmen einer kohärenten Datenstrategie berücksichtigt, und stellen sicher, dass in den Bundesländern die rechtlichen und technischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden“, lautete die parteiübergreifende Botschaft der Ministerinnen. Sie wünschten sich eine Bildungs-ID, die noch umfassender als die Schüler-ID angelegt ist und die gesamte Bildungsbiografie erfasst, daneben auch „Förderbedarfe oder bereits in Anspruch genommene Hilfs- und Unterstützungsangebote vor allem für den Übergang“, um Kinder noch gezielter begleiten zu können.
In der Buchveröffentlichung der Stiftung ist dieser als „parteiübergreifender Impuls für messbare Bildung“ gefeierte Konsens der drei Bildungsministerinnen u.a.in Ausführungen des Bildungsministers der kanadischen Provinz Alberta zur dort praktizierten datenbasierten Steuerung der Unterrichts- und Schulentwicklung eigebettet. Auch Kanada- Expertin Prof. Anne Sliwka, die eine Transformation des deutschen föderalen Schulsystems nach kanadischem Vorbild nahelegt. Kommt zu Wort.
Wie in der Publikation nachzulesen, legten die Bildungsministerinnen ihr gemeinsames bildungspolitisches „Gelöbnis“ am 5. Oktober 2024 bei einem zweitägigen Arbeitstreffen auf Einladung der Wübben Stiftung Bildung in Ingelheim ab. Das Treffen wurde wissenschaftlich begleitet und von der Geschäftsführung der Stiftung moderiert.
Oh, wie schön ist Kanada!
Der Buchveröffentlichung über das kanadische Schulmodell als Vorreiter für Deutschland war eine Reise nach Kanada vorangegangen. Auf Initiative der Wübben Stiftung Bildung unternahmen vom 1. bis 7. Oktober 2023 Vertreter:innen von sieben Bildungsministerien, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Kultusministerkonferenz und der Wübben Stiftung Bildung eine von der Stiftung vorbereitete geführte Bildungsreise durch die Provinz Alberta. Mit dabei waren auch Karin Pien und Stefanie Hubig. Theresa Schopper musste krankheitsbedingt absagen.
Ein im Netz veröffentlichtes Reisetagebuch der Stiftung (https://www.wuebben-stiftung-bildung.org/wp-content/uploads/2023/10/Bildungsreise_Alberta_Reisebericht.pdf) dokumentiert die Etappen der Reise mit diversen Schulbesuchen und Gesprächen mit Politik und Schulverwaltung.
Interessant und vielsagend ist der Vermerk über den Austausch zwischen den hochrangigen politischen Vertreter;innen auf kanadischer und deutscher Seite, der am ersten Besuchstag stattfand. Dabei ging es u.a. um die Feststellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den jeweiligen Schulsystemen. Die hochselektiven Schulstrukturen, die das deutsche Schulsystem vom kanadischen Einheitsschulsystem extrem unterscheiden, fanden ebenso wenig Erwähnung wie das unterschiedliche Verständnis von schulischer Inklusion. Ein ausdifferenziertes Förderschulsystem, das sich als Teil eines inklusiven Schulsystems ausgibt, existiert in Kanada nicht. Die deutsche Delegation zog es vor, das deutsche Berufsbildungssystem vorzustellen, das im Ausland wegen seiner dualen Ausbildung in Schule und Betrieb in der Regel auf besonderes Interesse stößt.
Nachhaltige bildungspolitische Effekte
Der Stiftung ist es offenkundig gelungen, die politischen Akteure auf den kanadischen Weg zu mehr Chancengleichheit, Leistung und besserer Bildung einzuschwören. Im Sommer 2024 präsentierte Karin Prien ihr Rahmenkonzept für die datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung in Schleswig-Holstein der Öffentlichkeit (https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/III/Service/Broschueren/Bildung/Rahmenkonzept_2024_25.pdf?__blob=publicationFile&v=3).
Die Eindrücke, die der Staatssekretär des nordrhein-westfälischen Schulministeriums auf der Reise in Alberta sammeln konnte, waren Anregung für die datenbasierte Initiative des Schulministeriums „Kompass NRW 2030“ (https://www.schulministerium.nrw/schulkompass-nrw-2030-datengestuetzte-qualitaetsentwicklung), die die Schulministerin zum Start des Schuljahres 2025/26 vorstellte.
Es ist auch kein Geheimnis, dass Prien und Hubig, beide inzwischen Bundesministerinnen in der schwarz-roten Regierung, als Teilnehmende an den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD sich stark gemacht haben für das Bildungsverlaufsregister mit Schüler-ID.
Empfehlungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung
Im Juni 2025 gab die Bertelsmann Stiftung „Empfehlungen für eine veränderte Lern- und Prüfungskultur“( https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/empfehlungen-fuer-eine-veraenderte-lern-und-pruefungskultur)heraus, ein „Plädoyer für mutige Entscheidungen“, wie es im Untertitel heißt. Die elf Autor:innen sind Vertreter:innen aus Schulministerien, Landesinstituten und der Wissenschaft. Unterstützt von der Stiftung haben sie nach eigenen Bekundungen Empfehlungen mit „vielfältigen Perspektiven“ entwickelt, die bildungspolitisch „fundiert, anschlussfähig und umsetzbar“ sind.
Es ist ein Plädoyer für eine datenbasierte Lern- und Prüfungskultur, die mit einer konsequenten Erhebung und Nutzung von Schüler:innen-Daten einhergeht. Um „alle Kinder und Jugendlichen zu maximaler Potenzialentfaltung anzuleiten und ihnen ihr individuelles Bildungsmaximum zu ermöglichen“, braucht es „qualitativ hochwertige individualdiagnostische Instrumente, die Lernverläufe, aber auch unausgeschöpfte Potenziale anzeigen können“.
Insgesamt braucht es nach Ansicht der Autor:innen „einen politischen Willen, wie er jüngst an prominenter Stelle, nicht zuletzt im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, formuliert wurde. Daten sollten zur selbstverständlichen Grundlage von Entscheidungen auf allen Ebenen des Bildungssystems gemacht werden“.
Bildungsverlaufsregister und die Schüler-ID
Im November 2025 hat die Bertelsmann Stiftung nachgelegt. Dieses Mal mit einem Papier aus der Feder der Stiftung unter dem Titel „Bildungsverlaufsregister und Schüler-ID in Deutschland. Status Quo und Gelingensbedingungen“ (file:///C:/Users/PC/Downloads/Bildungsverlaufsregister_SchuelerID_final-6.pdf).
Die Stiftung präsentiert sich dabei in der Rolle des engen Partners von Bildungspolitik, Bildungsverwaltung, Schulpraxis, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Wenn sie von „wir“ spricht, schwingt immer der behauptete Konsens und die Gemeinschaft mit den Bildungsakteuren der verschiedenen Ebenen mit. „Mit der Förderung von Basiskompetenzen und schulischem Wohlbefinden etablieren wir eine neue Datenkultur, die das Lernen und die Beteiligung aller in den Mittelpunkt stellt. In vertrauensvollen Räumen und mit innovativen Methoden wie Transformationssprints entwickeln wir gemeinsam tragfähige Strategien – und stärken gleichzeitig die Handlungsfähigkeit staatlicher Akteure in adaptiver Führung.“
Es ist ein strategisches Bündnis-Papier zur Durchsetzung des Bildungsverlaufsregisters und soll politischen Stakeholdern Argumente für die Auseinandersetzung mit den Kritiker:innen in der Öffentlichkeit liefern.
Was der Wübben Stiftung Bildung Alberta ist, ist der Bertelsmann Stiftung Ontario. In der aktuellen Ausgabe ihres Magazins „Change“ (file:///C:/Users/PC/Downloads/IN_change_Magazin_2-2025_20251124-1.pdf) stellt die Bertelsmann Stiftung die kanadische Provinz Ontario als Vorbild für die deutsche Bildungspolitik heraus.
Das Anliegen der Wübben Stiftung Bildung
Beide Stiftungen sind als gemeinnützig anerkennt und doch in ihrer Wirkmächtigkeit unterschiedlich aufgestellt und ausgerichtet.
Gründer der Wübben Stiftung Bildung ist Dr. Walter Wübben, Er war Geschäftsführer und Haupteigentümer der Damp Unternehmensgruppe, die sich bis zum Verkauf an die Helios Kliniken 2012 neben dem Touristikgeschäft auch dem Bereich der Gesundheit und Medizin widmete.
Die Wübben Stiftung Bildung wurde 2013 gegründet und engagiert sich für Schulen im Brennpunkt. Mit dem Slogan „Laut sein für die Leisen“ setzt sie sich für gerechte Bildungschancen der sozial Benachteiligten ein. Ihr Vorzeigeprojekt sind die Familiengrundschulzentren, die es den Grundschulen ermöglichen, mit Eltern und den Akteuren im Sozialraum der Schule eng zu kooperieren und die Kinder zu stärken. Die Stiftung brachte in Gelsenkirchen das Pilotprojekt auch unter Einsatz eigener Finanzmittel an den Start.
Daraus hat sich eine kommunale Netzwerkinitiative in NRW gegründet, die von der Stiftung beim Aufbau von Familiengrundschulzentren beraten und unterstützt wird. Die Stiftung ist inzwischen auch in anderen Bundesländern tätig. Das respektable und erfolgreiche Modell der Familiengrundschulzentren verschafft der Stiftung einen privilegierten Zugang zu den Bildungsministerien und politisches Gehör.
Unterwegs im Interesse der Bertelsmann AG
Die Bertelsmann Stiftung hält mehr als drei Viertel der Anteile an der Bertelsmann AG ( https://gb2024.bertelsmann.de/das-alles-ist-bertelsmann/uebersicht), einem der bedeutendsten Medien-, Bildungs- und Dienstleistungsunternehmen weltweit. Mit dieser Konstruktion befreit sich der Konzern von Steuerverpflichtungen und die Stiftung kann mit dem Einsatz der eingesparten Mittel scheinbar wohltätig agieren.
Die strukturelle und personelle Verflechtung von Stiftungsengagement und Konzerninteressen stehen schon seit langem in der Kritik, und nicht nur bei Lobby Control (https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung). Die GEW fasste schon 2008 aus diesem Grund den Beschluss, dass eine über Kontaktpflege und Positionsaustausch hinausgehende Zusammenarbeit zwischen GEW und Bertelsmann Stiftung nicht stattfindet.
Das Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), dessen Gesellschafter die Bertelsmann Stiftung ist, war Stichwortgeber für das 2006 beschlossene nordrhein-westfälische Hochschulfreiheitsgesetz. Noch bevor der damalige FDP-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart das Gesetz präsentierte, formulierte das CHE seine Anforderungen an ein „Hochschulfreiheitsgesetz“: weniger Staat, mehr Autonomie für die Hochschulen. Und in der Folge mehr Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulen.
2014 warb die Stiftung massiv für das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP), von dem der Konzern als Nutznießer selbst profitiert hätte.
Wie dem Geschäftsbericht 2024 (https://gb2024.bertelsmann.de/e-paper#13) zu entnehmen ist, investiert die Bertelsmann AG gezielt in den Ausbau der Themen Cloud, KI und Data. Die Datafizierung der Bildung entspricht ganz ihrem Geschäftsinteresse.
Die Bildungspolitik und ihr Mangel an demokratischem Bewusstsein
Private Stiftungen nach ihrer Interessenlage in „gute“ oder „böse“ Stiftungen einzuteilen, greift zu kurz. In ihrem Privatisierungsreport „Vom Durchmarsch der Stiftungen und Konzerne“ (file:///C:/Users/PC/Downloads/Privatisierungsreport2-2.pdf) stellte die GEW 2006 die Frage, „warum Stiftungen und Konzerne mittlerweile eine derart große Rolle im Bildungswesen spielen. Ihre Antwort darauf: „Die Politik hat haushaltspolitisch und ideologisch Türen aufgestoßen, durch welche die Privaten jetzt „durchmarschieren“. Oder Lücken gerissen, die diejenigen jetzt füllen. Wie viel Raum und Verantwortung private Stiftungen und Konzerne im Schulwesen haben, ist stets eine Frage politischen Handelns, Entscheidens oder Nichtstuns. Nicht zuletzt auch eine Frage der Finanzierung öffentlicher Bildung.“
In NRW stehen die Türen der Politik für private Stiftungen sperrangelweit auf. Parlamentarische Gremien und die Vertretungen der Betroffenen müssen dahinter schon mal mit ihren demokratischen Beteiligungsrechten zurückstehen. Auf die Nachfrage zur Information und Beteiligung des Landtags, der Lehrer- und Elternverbände, der LSV und der Öffentlichkeit an den Überlegungen zum Bildungsverlaufsregister hieß es Ende August 2025 aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium: „Da es sich um laufende Planungsprozesse handelt, liegen diesbezüglich noch keine Entscheidungen vor. Sobald dies der Fall sein wird, werden die genannten Institutionen sowie die Öffentlichkeit in geeigneter Form informiert und beteiligt.“
Das Vertrauen in die Bildungspolitik wird nicht gestärkt.






















